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"Kurvenfahren"

 
Ursprüngliche Nachricht
 
"Kurvenfahren"
Posted by Michael Dunin v. Przychowski on Jul-06-00 at 02:11 PM (MEZ)
Für die Haftung in Kurven und die übertragbaren Kräfte gilt
grundsätzlich der Kammsche Kreis. Er sagt nix weiteraus, als daß es der
Haftung egal ist in welche Richtung sie Kräfte übertragen soll und man
Längs- und Querkräfte beliebig kombinieren kann, solange man die
Haftungskraft nicht überschreitet. Was dabei gerne vergessen wird ist
daß die Haftung, also der Radius des Kreises, nicht konstant ist,
sondern vom Untergrund und der Reifenbelastung (ein Punkt den ich schon
längst mal auf meine Reifenseite setzen wollte) abhängt. Auch Drifts
lassen sich prima am Kammschen Kreis darstellen, der dabei allerdings
entsprechend der Schlupfkurve fröhlich seinen Radius ändert.
Die Belastung der Reifen ergibt sich dabei aus der dynamischen
Lastverteilung und der Schräglage. Bei 45° Schräglage ist der
Anpressdruck um den Faktor 1.4 höher als bei Gradeausfahrt.
Für den Vorderreifen ergibt sich dadurch, daß es günstig ist ihn beim
Einlenken etwas zu belasten, was zum einen durch eine statische
Gewichtsverteilung des Moppeds von etwa 50%/50% erreicht wird, zum
zweiten in dem man auf der Bremse einlenkt. Während der höher belasteten
Kurvenfahrt sollte der Vorderreifen entsprechend seiner kleineren
Aufstandsfläche dagegen etwas entlastet werden, eine dynamische
Gewichtsverteilung von etwa 40%/60% ist dabei das Grundmaß, das man
durch leichten Zug am Hinterrad erreicht.

Die Geometrie des Moppeds ermöglicht eine hohe Eigenstabilität beim
Kurvenfahren, die hauptsächlich durch Nachlauf und Kreiselkräfte
bestimmt ist. Dazu kommt ein Kegellaufeffekt der Reifenkontour, der
stark vom verwendeten Reifen abhängt.
Ändert man etwas an der Lastverteilung, so merkt man (wie gezeigt) am
Hinterrad recht wenig, die Gabel reagiert aber recht heftig. Belastet
man das Vorderrad stärker (Gas weg, bremsen, auskuppeln) taucht die
Gabel ein und aufgrund des Lenkkopfwinkels ändert sich der Nachlauf und
wird kleiner. Die Rückstellkraft des Nachlaufs ist aber ein
Stabilitätskriterium und das Mopped fällt stärker in die Kurve.
man kann dadurch die Kurvenstabilität mit dem Gas steuern. Bei einer
bestimmten Gasstellung (Gewichtsverteilung) könnte man (wenn das Gas
nicht zurückschnappen würde) alles loslassen und das Mopped würde exakt
den eingeschlagenen Kurvenradius fahren. Mit weniger Gas fällt es
langsam weiter rein, mit mehr Gas richtet es sich langsam auf.
Die statische Gewichtsverteilung, der Nachlauf und die Reifenkontour
sind dabei auf den Einsatzzweck des Moppeds abgestimmt. Ein Rennerle mit
Sport/Rennreifen hat statisch viel Gewicht am Vorderrad und eine
Reifenkontour die bei hohen Schräglagen viel Aufstandsfläche/Haftung und
Stabilität aufbaut, bei wenig Schräglage dagenen kipelig ist und das
Einlenken unterstützt. Es braucht daher viel Zug am Hinterrad für die
stabile Kurvenfahrt. Ein Allrounder fährt mit deutlich weniger Gas
stabil und ein Tourendampfer fast ohne Zug mit gleichmäßiger
Geschwindigkeit.
Um also in eine Hundekurve etwas stärker einzulenken dreht man bei nem
Sportler das Gas ein wenig zu (bzw. nicht weiter auf) und fährt mit
etwas weniger Zug, bei nem Allrounder muß man etwas weiter zudrehen,
oder auskuppeln, was ja nix anderes ist als das Gas so einzustellen daß
das Hinterrad kräftefrei ist, und bei nem Tourer muß man schon in die
Motorbremse um den gleichen Effekt zu erreichen.
Wenn Du bei ner AT mit auskuppeln also gut rum kommst, mußt Du bei ner
ausgekuppelten Goldwing trotzdem nochmal bewust kräfig einlenken und ne
R6 mit viel Lenkerkraft am Reinfallen hindern. Bei der R6 kann dabei
auch das Vorderrad überlastet werden und wegschmieren.

Beim Thema Bremsen in Schräglage macht es einen riesigen Unterschied ob
die Vorderradbremse oder die hintere eingesetzt wird. Die hintere hat
den gleichen Effekt wie die Motorbremse, bewirkt also nur eine
dynamische Lastverteilung und damit eine Nachlaufänderung. Bei Vorderrad
kommen noch Längskräfte dazu, die ins eingeschlagene und außermittige
Rad eingeleitet werden und die bewirken ein recht kräftiges
Aufstellmoment.

Das alles gilt nun wenn die Reifenhaftung das begrenzende Element ist,
wenn die Schräglagenfreiheit des Moppeds nicht ausreicht, bleibt wohl
nix anderes übrig als aufrichten, bremsen, neu abwinkeln. Da
gaswegnehmen oder bremsen dazu führt, daß die Gabel weiter eintaucht und
die Bodenfreiheit sich weiter verringert, muß dabei erst ein Lenkimpuls
erfolgen, dannach kann das Aufrichten mit der Vorderbremse unterstützt
werden.

Michael *ächts*

-- http://www.taunus-biker.de/~mdvp RRR#85 TSB#22
Duc 750SSN: rot&schnell, 780ccm, h.c, Sil, K&N, Keihin FCR39
DR 350 SHC: rost&cross, 385ccm, h.c., K&N, Dell'orto PHF36

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